Pressetext der Nürnberger Nachrichten zur Ausstellung 'Friesenbaum'
18 Juni - 10 Juli 2013, die Vitrine Nürnberg

Die Kunst von Michael Schäble könnte man als Konzeptkunst mit einer Prise hintersinnigem Humor beschreiben. Ausgangspunkte seiner Arbeiten stammen aus der Beschäftigung mit Literatur, Philosophie, Film, Werbung, Musik, Wirtschaft, Sagen und Märchen. Vor allem Widersprüche und falsche Versprechungen unserer medialen Welt haben es ihm angetan. Mal deckt er diese auf ("Smells like Teen Spirit (Bahama Breeze)"), mal tritt er selbst als Gaukler in Erscheinung ("Diploma"), immer nimmt er es jedoch sehr genau. Durch diese Genauigkeit werden scheinbar gewöhnliche Sachverhalte ins Absurde überführt: Seine Arbeit "Eulenspiegelei" bezieht sich im Titel zwar auf die historische Figur Till Eulenspiegel, tatsächlich sieht der Betrachter aber einen gerahmten Herkunftsnachweis von Euleneiern, und daneben ein Video in dem Schäble ein Spiegelei bzw. ein Eulenspiegelei zubereitet. Seine neueste Arbeit "Friesenbaum" ist ab Dienstag, den 18.6.2013, in der Vitrine zu sehen. Warum die friesische Variante des Weihnachtsbaumes im Sommer am Nürnberger Bahnhof zu sehen ist, wird bis zur Eröffnung um 19 Uhr nicht verraten.

(Text: Benjamin Zimmermann)



Text zur 'dOCUMENTA(13) Kunstkritik',
2012, Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, Heft 1/4, "Der seltsame Fall des Ryan Gander", Essay S.39-40

Wenn es in der Kunst um Gefühl geht, dann eröffnet sich ein schwierig bespielbarer Horizont. Wie kommuniziert man Gefühl? Was kann die Kunst, was die Sprache nicht kann? Und wie bricht man das auf das Nötigste? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Engländer Ryan Gander. Jean-Christophe Ammann hat einmal in einem Interview über die Poesie in der Kunst gesagt, dass der Künstler beim Denken von Gegenwart das Präzise diffus und das Diffuse präzis denken muss. Ryan Gander tut genau das.

Das scheinbar unbespielte, windige, nahezu leere Erdgeschoss des Fridericianums wirkt auf den ersten Blick stümperhaft kuratiert, da der wohl bestgelegenste Raum der ganzen Documenta einfach leer gelassen wurde. Abgesehen von ein paar Metallskulpturen des verstorbenen spanischen Künstlers Julio Gonzáles, einer Soundinstallation der pakistanischen Künstlerin Ceal Floyer, einem Dokumentarfilm des palestinensischen Künstlers Khaled Hourani und der in einer Vitrine präsentierte fünfseitige Brief des deutschen Künstlers Kai Althoff an die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev, der seine Beteiligung an der dOCUMENTA (13) versagt, gibt es nicht viel zu sehen. Nur ein heftiger Windzug fegt leise Gesänge durch die Türzargen hindurch. Man muss als Betrachter gleich zu Beginn der Ausstellung die Sinne wechseln und Hören und Fühlen. Da hat nicht etwa jemand das Fenster versehentlich offen gelassen, und vergessen den Raum zu kuratieren, nein, beim Nachdenken darüber geht man Gander bereits auf den Leim. Gander hat minutiös eine Studie zur Geschwindigkeit der Luftströmung in diesen besagten Räumlichkeiten des Fridericianums erstellen lassen, sodass man den künstlich erzeugten Luftstrom nicht direkt als einen künstlich erzeugten wahrnimmt. Was hat das zu bedeuten? Der Titel dieses "Durchzugs" lautet I Need Some Meening I Can Memorise (The invisible Pull), und in der Tat war dies eines der künstlerischen Werke, an das ich mich im Nachhinein noch sehr stark erinnere (Oder ist es einfach nur der Aufgriff einer Textzeile des melancholischen Songs Lover I Don´t Have To Love der amerikanischen Band Bright Eyes?). Vor allem im linken Eingangsbereich, bei dem im anschließenden Nachbarraum die Soundinstallation ´Til I Get It Right (2005) von Ceal Floyer leicht zu hören ist, springt der melancholische Funke der vermutlichen Anspielung auf die Melancholie der Band Bright Eyes über, da es sich bei dieser klangvollen Soundinstallation um eine veränderte Form des Song-Klassikers von Tammy Wynett handelt. Die Künstlerin Ceal Floyer beschneidet den Liedtext digital auf die beiden Zeilen I´ll just keep on/ ´til I get it right, lässt diesen Mini-Refrain im Loop erklingen und wendet sich damit den Fragen zu, die sich Tammy Wynett mit dem Original damals schon gestellt hat, nämlich der Verwundbarkeit der Seele und der stetigen Möglichkeit des Scheiterns in der Liebe.

Ganders Kunstwerk, betitelt mit einer Textzeile aus einem melancholischen amerikanischen Popsong, und Floyers melancholische, reduzierte Variation eines ebenfalls amerikanischen Musikklassikers, ergeben eine ungewöhnliche, aber gleichzeitig sehr gelungene Zusammenführung und Gegenüberstellung dieser beiden doch völlig unterschiedlich wirkenden künstlerischen Positionen. Eine sehnsüchtig wirkende Melancholie Ganders steht hier einer existentiellen Melancholie Ceal Floyers gegenüber, die beide immateriell bleiben, Gefühl mit wenigen oder ohne Wort thematisieren und nicht in einer plumpen Narration untergehen. Für den hastigen Besucher erscheinen beide Kunstwerke inexistent oder wie ein billiger IMAX-Gag. Für den interessierten Besucher dagegen werden die Eingangshallen des Fridericianum zu einer poetischen Zauberkiste, die zum Verweilen in eine windgeschützte Nische einlädt.

Genauso subtil und fast unsichtbar sind die beiden weiteren Interventionen Ganders in der dOCUMENTA (13). Eine Frau, die dauerhaft in der Orangerie sitzt und ein Buch über Improvisation liest (Sprechen Sie die Frau doch einfach an) und die in der Karlsaue befindliche, leicht geöffnete eiserne Falltür.
Eine der ersten Skulpturen, die ich von Gander gesehen habe, ist die 3-teilige Skulptur The Artwork Nobody Knows (2011). Ein Rollstuhlfahrer liegt neben seinem Rollstuhl am Boden und auf dem Boden vor ihm steht ein kleiner Würfel. Die liegende Person ist eine Miniatur des Künstlers selbst, in der Größe einer Kinder-Plastik-Action-Spielfigur, dafür aber ziemlich detailgetreu nachgebildet, sogar das "N" des New Balance Schuhs ist deutlich erkennbar.
Wie paradox, ein Gehbehinderter portraitiert sich liegend wie eine Plastik-Action-Figur. Der makellose Held aus dem Comic liegt gestürzt, zerbrechlich und verwundbar am Boden. Das Kryptonit, die Schwachstelle des Helden, wird zum Thema. Dadurch wird aus dem Held ein Anti-Held, als Betrachter beginnt man sogar, Mitleid zu verspüren. Ist es das, was der Künstler möchte? Wohl kaum. Ryan Gander hat bereits begonnen, mit uns seinen Schabernack zu treiben.
Die Gehbehinderung ist unübersehbar, jeder muss zu ihm herabschauen, wie auch bei diesem Portrait, jedoch war es Gander selbst, der sich so darstellt. Ich erkenne in dieser Arbeit Stolz, Stärke und einen Hauch von geistiger Sublimität. Die Schuhe, die Kleider als Künstler-Uniform, Gander ist stolz Künstler zu sein, Künstler in seiner vollen Bedeutung, der Künstler als Gesamtkunstwerk (The Artwork Nobody Knows)– mit gebrechlichem Körper, aber starkem Intellekt (Das geometrische Objekt, hier der Würfel, taucht übrigens häufig in Ganders Werk auf, eine Reflexion über Abstraktion und Figuration und ebenso ein Verweis auf die klaren Formen künstlerischer Vorbilder, z.B. die von de Stijl.)

Ganders Werk umfasst Fotografien, Videoarbeiten, Skulpturen und raumgreifende Installationen. "Den" Gander erkennt man nicht formal an einer Handschrift, sondern auf der geistigen Ebene.
Gander gehört damit einer Künstlergeneration an, bei denen das Konzept, die Idee, das Medium dominiert. Gander beherrscht es auch, sowohl künstlerische Arbeiten ohne Raumgebundenheit zu konzipieren, als auch speziell Werke für einen konkreten Raum zu entwickeln. Durch seine Gehbehinderung hat er wohl schon früh die Konzeptkunst für sich entdeckt. Die geistige Arbeit wird von ihm erledigt, die Umsetzung dann durch die von ihm ausgewählte Fachwerkstatt. Solch eine Vorgehensweise scheint derzeit sehr gängig und erfolgreich zu sein, ich erinnere an Urs Fischer, Alicja Kwade und nicht zuletzt Jeff Koons, jedoch glaube ich, dass Gander, im Gegensatz zu den genannten Künstlern, aus der Not, seinem Handicap, eine Tugend gemacht hat.



Text zur Vernissagerede 'Baustelle 5' von Helga Sandl (Kunsthistorikerin),
gehalten am 04.05.2012. in der Neuwerk Kunsthalle Konstanz

(...) "Wer bin ich und wenn ja wie viele?" Richard David Prechts gleichnamiges Buch ist eine Reise in die Philosophie. Mit viel Ironie und sehr humorvoll aber mit sehr ernstem Hintergrund, befindet sich auch Michale Schäble auf seiner humorvollen Zirkelreise zum und um das eigene "Ich".
Wer weiß, wer uns da begegnet: Tristram Shandy oder James Dean oder Till Eulenspiegel oder Baron Münchhausen oder Michael Schäble? Auf der Suche nach der eigenen Identität, nach Authentizität werden Michael Schäble einzelne Worte, Romane, Filmfiguren, Kinoidole aber auch andere Künstler zu Vorbildern und Nebenbilder, an denen er sich entlang arbeitet, wie an seinem eineiigen Zwillingsbruder. Er stellt in seinen Werken dabei komplexe und aber auch einfache Austausch- und Wechselbeziehungen her, zwischen dem Original und der Kopie, zwischen dem anderen und dem eigenen.

Auch treibt er seinen ernstzunehmenden Schaberbnack mit uns, wenn er die Worte wörtlich nimmt, oder wie er selbst sagt, unter dem Diktat des Wortes steht und in einem seiner Videoarbeiten folgsam selbst zum "Dachreiter" aufsteigt.
Er ist frech und direkt, wenn er die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes "Eulenspiegelei" im Kunstwerk verkörpert. Im mittelniederdeutschen bedeutet Eulenspiegelei so viel wie, "Wisch mir'n Hintern", oder noch direkter" Leck mich am A ...". Wir sehen die Figur eines Mannes, der uns seinen nackten Hintern entgegenstreckt und uns mit einer eindeutigen Geste, den Finger zeigt. Diese Arbeit ist eine Hommage an seinen Professor, wie er sagt.

Es ist eine außergewöhnliche Konstellation, in die Michael Schäble hineingeboren ist. Und diese besondere Verbindung hat er am "Schwarzen Peter" wunderbar ausgearbeitet: Der Titel des Werkes: "Kompliziertes Zwillingsdasein (achsialer Schwarzpeter mit einseitigem Baron-Münchhausen-Schopf"). Die beiden Hälften einer Spielkarte unterscheiden sich normalerweise nicht voneinander. Nie weiß man, wo oben und wo unten ist, und das Spielblatt funktioniert eben nur mit beiden Hälften. Sie ergeben zusammen eine Karte.
Michael Schäble jedoch hat eine Hälfte verändert, einen Arm abgeschnitten und einen anderen Arm an anderer Stelle montiert. Die Hand greift an den eigenen Haarschopf und zieht daran. Er vergegenwärtigt die Geschichte von Münchhausen, der sich samt seinem Pferd am eigenen Schopf aus dem Schlamm zieht. Die Frage bleibt hier jedoch: Wer hier wen aus dem Schlammassel zieht und welche Kräfte am stärksten wirken. Um hier einen eindeutigen Nachweis liefern zu können, zeichnet Michael Schäble die physikalischen Kräfte ein, die auf den Schwarzen Peter einwirken. Da hätten wir die Hangabtriebskraft, die Gravitations- oder Anziehungskraft, die Reibungskraft, die Normalkraft und die imaginäre Schopfkraft! Wie stark sind diese Kräfte, wie stark ist die Schopfkraft? Kann sie sich behaupten? Oder wird einer der beiden enthauptet? Wer also ist der Stärkere in diesem Spiel, wer gewinnt und wer gibt nach? Hält der Schopf? (...)

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